|
IGFM: Scharia kann in Nigeria Religionskrieg auslösen - Der Irakkrieg und der Wahlkampf begünstigen extremistische Ausschreitungen
 |   Prof.Dr. Obiora Ike: "In Nigeria werden Menschenrechte grob verletzt von Menschen, die für sich in Anspruch nehmen, im Namen der Scharia und im Namen von Religion zu handeln."
|
Frankfurt/M. (27. März 2003) - Am 19. April 2003 sollen in Nigeria Wahlen zum nationalen Parlament stattfinden. Der Wahlkampf findet in einer äußerst angespannten Situation statt. Immer wieder kommt es zu ethnisch und religiös motivierten Übergriffen, berichtet die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) in Frankfurt. Durch den Irakkrieg, der von islamistischer Seite als Angriff auf die islamische Kultur interpretiert wird, hat sich die Stimmung noch weiter aufgeheizt, erklärt Karl Hafen, Geschäftsführender Vorsitzender der IGFM. Die nigerianische IGFM weist außerdem auf Ausschreitungen in den Ölfördergebieten hin, die eine Durchführung der Wahlen in dieser Region unmöglich machen.
Der nigerianische Menschenrechtler Prof. Obiora Ike berichtet: "Es gibt ein starke Strömung unter einigen Moslemführern in Nigeria, die von Moslems aus anderen Ländern gesteuert wird und die vollkommene und absolute Islamisierung Nigerias zum Ziel hat. Erst kürzlich setzte eine Debatte ein, in der es darum ging, nun auch eine modifizierte Form der Scharia in den westlichen Teilen Nigerias, also Lagos, Osun, Ondo, Oyo und Kwara einzuführen. Die Gefahr ist akut und die Energien sind geweckt, Gründungs- und Propagandamaschinerie laufen."
Karl Hafen, Geschäftsführender Vorsitzender der IGFM kritisiert die barbarischen Strafen der Scharia. Hafen: "Wir appellieren an die deutsche Regierung, sich international für die Ächtung der Steinigung einzusetzen. Dies könnte im Rahmen der Vereinten Nationen und auf bilateraler Ebene geschehen. Bereits 140.000 Bundesbürger haben unseren Appell mit ihrer Unterschrift unterstützt."
Der katholische Christ Obiora Ike predigt Toleranz und Verfassungstreue. Ike: "Muslime haben ein Recht auf einen eigenen Lebensstil und auf Wahrung der Lehren ihrer Religion. Probleme beginnen dann, wenn die pluralistische Koexistenz in Gefahr gerät. Es ist nicht hinzunehmen, wenn im Namen von Scharia und Religion verfassungsrechtliche Bestimmungen, die die Einheit des Landes garantieren, beiseite geschoben werden sollen; ebenso wenig, wenn internationale Normen, die die Grundlagen für Menschenrechte sichern, abgelehnt werden."
Ike weiter: "In Nigeria werden Menschenrechte grob verletzt von Menschen, die für sich in Anspruch nehmen, im Namen der Scharia und im Namen von Religion zu handeln. Sie haben Menschen verurteilt zu Steinigung, Auspeitschung, zum Abhacken ihrer Hände oder zu sonstigen Amputationen, zur Bloßstellung ihres Privatlebens im Namen von Religion, sie gestatten keine Privatsphäre, sie verweigern Freiheiten wie etwa das Recht auf Arbeit, sie verweigern Christen Bauplätze für ihre Kirchen und Zugang zu Landbesitz und Privateigentum. Stattdessen vertreiben sie sie aus ihren Häusern, bedrohen ihr Leben und setzen sie psychologisch unter Druck. Und da ist die nationale Verfassung, die eine klare Sprache spricht. Wie könnten diese Ansprüche einer einzigen Religion auf Ausübung von Straf- und Zivilrecht im klaren Widerspruch zur Landesverfassung korrekt sein? Was würde passieren, wenn Buddhisten, Hindus, Anhänger traditioneller afrikanische Kulte und Atheisten anfangen würden, sich auch so aufzuführen?"
Ike: Koexistenz in gegenseitiger Toleranz
Religiöse Toleranz heißt vor allen Dingen Koexistenz, daran hat der Islam sich genauso zu halten wie andere auch. Da liegt das Problem: Die Übertreter glauben, im Namen von Allah zu handeln. Welcher Gott könnte gemeint sein? Sicher nicht die universelle Akzeptanz Gottes als höchster Verkörperung von Liebe, Gerechtigkeit, Frieden, Barmherzigkeit und Toleranz, als des einzigen Gottes aller Völker, aller Nationen und zu allen Zeiten. Im Geiste Gottes sollte Einheit aller und Liebe zu allen herrschen und nicht Verleugnung von Menschenrechten und Verunglimpfung von Personen im Namen von Allah. Wenn derlei in der Vergangenheit geschah wie sogar in der Christenheit, so ist für Vernunftmenschen allmählich der Zeitpunkt gekommen, so was nicht mehr zu dulden und die Würde des Menschen zum starken Faktor zu machen, dem Religion schützend zu dienen hat. Wenn die Scharia in Nigeria zur Staatsreligion gemacht wird, führt dies zu Krieg. Kulturelle Verschiedenheiten und Integrität sind unumgänglich, aber nicht auf Kosten anderer. Wir brauchen dringend Dialog und Geduld, um das zu begreifen und umzusetzen.
Ike: Regierung betreibt gegenüber Steinigungen eine Vogel-Strauß-Politik
Die Zentralregierung kennt die Situation, sie weiß um die Steinigungen, Amputationen etc, aber sie betreibt eine Vogel-Strauß-Politik, spielt ein Versteckspiel oder nimmt die Haltung ein: "Dusch mich, aber mach mich nicht nass". Die Zentralregierung schöpft ihre Autorität nicht voll aus und verharmlost die möglichen Gefahren, zu denen die gewaltsame Verhinderung der Verbreitung der Scharia führen könnte. Hinzu kommt, dass viele hohe Politiker in der Regierung selbst Moslems sind und in Gewissenskonflikte zwischen ihren religiösen Empfindungen und ihrem Glauben auf der einen Seite und ihrer Treue zum nigerianischen Staat auf der anderen Seite verstrickt sind. Die Situation ist geprägt durch Mangel an gutem Willen, durch Taktlosigkeit, Angst vor Weiterentwicklung und durch die Hoffnung darauf, dass Probleme dieser Art von alleine auftauchen und daher auch wieder von alleine verschwinden.
Präsident Obasanjo äußerte, dass sich das Problem früher oder später von selbst löse. Das hat es aber nicht getan. Es sind noch mehr Menschen umgekommen und noch weitere Staaten haben sich zur Scharia bekannt. Es sind die politische Elite im Norden und die Moslemführer, die den Mut aufbringen müssen, aus Respekt vor Gesamtnigeria und vor der Einheit des Landes und Respekt vor der Gewaltlosigkeit, die Scharia bedeutungslos zu machen und den Status quo ante wieder herzustellen. Noch nicht einmal zur Zeit der Militärregierung unter moslemischer Führerschaft wurde von dieser die Scharia erzwungen. Und jetzt, in einer Demokratie, wird der Bevölkerung von fanatischen Scharia-Befürwortern die islamische Rechtsprechung aufgezwungen. Das Ergebnis sind viele Tote, und es werden in Zukunft noch Tausende von unschuldigen Bürgern sterben."
|